Die Strömungen in die rechte Richtung lenken

Philipp Neri und der Besuch der 7 Kirchen

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Der zweite Apostel Roms

Der heilige Philipp Neri versuchte, wie es der große und gelehrte Oratorianer Kardinal John Henry Newman einmal so treffend bemerkte, „die Strömungen in Wissenschaft, Literatur, Kunst und Mode, die er nicht aufzuhalten vermochte, in die rechte Richtung zu lenken und das zu veredeln und zu heiligen, was Gott sehr gut geschaffen und der Mensch verdorben hatte“.[2] Mit vielen unkonventionellen Ideen und Mitteln versuchte er die Menschen der Renaissancezeit zu Reinheit und Wahrheit zu führen: „Um die Jugend von schlechten Schauspielen fernzuhalten, öffnete er sein Oratorium heiliger Musik; als Gegenstück zu den leichtsinnigen Fastnachtsumzügen mit ihren üblen Begleiterscheinungen veranstaltete er Wallfahrten zu den sieben Hauptkirchen … Denn hielt Philipp in den Erbauungsstunden des Oratoriums auf Einfachheit im Stil der alten Mönche, so wollte er im übrigen die Fähigkeiten seiner Söhne in Freiheit entwickelt wissen. Dabei war er selbst in allem das echte Vorbild“.[3]

Mit dem Besuch der sieben Hauptkirchen Roms, der keine Erfindung Philipp Neris war, nahm der zweite Apostel Roms eine sehr alte Tradition der Rompilger wieder auf. Jahrhundertelang zogen dann Pilger aller gesellschaftlichen Schichten gemeinsam zu den wichtigsten Pilgerstätten der Ewigen Stadt. Ebenso wie die anderen Werke von Filippo Neri und seiner Gefährten (z.B. das Oratorium) wurde auch dieses durch die Vorsehung Gottes geschenkt.

Für die Stadt…

Begonnen hatte Philipp Neri mit dieser geistlichen Übung nach seiner Priesterweihe im Jahr 1551. Von San Girolamo della Carità aus, wo er mit dem Oratorium begonnen hatte, zog er mit Jugendlichen, die er einfach auf den Straßen und Plätzen Roms aufgelesen hatte, los, um die sieben Hauptkirchen der Stadt zu besuchen und die mit dem Besuch verbundenen Ablässe zu gewinnen. Die gesamte Strecke betrug je nach Route zwischen 16 und 24 km und wurde später auf zwei Tage verteilt. Zur Lebzeiten des Heiligen fanden diese Visite delle sette Chiese (Besuche der sieben Kirchen) mehrmals pro Jahr statt, später jedoch wurde es zur  Tradition diesen Besuch im großen Stil ausschließlich am Donnerstag vor dem Aschermittwoch (auch Altweiberfastnacht oder Fastnachtsdonnerstag genannt), dem Tag des heiteren und ausgelassenen römischen Karnevals, durchzuführen. Philipp Neri wollte den Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Hilfe dieser familiär einfach „Besuch“ genannten Wallfahrt zu den wichtigsten christlichen Stätten der Ewigen Stadt helfen, ihr geistliches Leben zu vertiefen.

Man muss sich dazu freilich ein noch nicht wie heute verbautes und von motorisierten Fahrzeugen dominiertes Rom vorstellen. Die Besucher bewegten sich an der frischen Luft mitten in der pittoresken Landschaft außerhalb der Stadtmauern Roms. Gerne ließ man sich mittags zu einem einfachen Picknick in den nahegelegenen Weingärten nieder, umrahmt von schöner geistlicher Musik und bewegten Predigten, wie die Biographen des hl. Philipp nicht müde wurden zu berichten. Bis heute gleich geblieben sind die einzelnen Stationen dieses „Besuches“ – die 7 Hauptkirchen Roms: von St. Peter über St. Paul vor den Mauern bis St. Sebastian, wo in der Regel die hl. Messe gefeiert wurde, über St. Johannes im Lateran, Hl. Kreuz in Jerusalem und St. Laurentius am Verano bis hin zu Groß St. Marien. Mit dem Gesang des Salve Regina wurde der Besuch der Sieben Kirchen beschlossen.

Ein besonders charakteristischer Prozessionsgesang, der dabei häufig auf den Straßen erschallte, war Vanità di vanità (Eitelkeit, alles ist Eitelkeit). Dieser Gesang war vom berühmten Musiker des Oratoriums und damaligen Kapellmeister von St. Peter, Giovanni Animuccia, einem Beichtkind Philipps, komponiert worden und war auch in der Folgezeit das Erkennungszeichen der Gefährten des hl. Philipp Neri. Aus der zu Beginn sehr kleinen Schar von fünf oder sechs Besuchern der sieben Kirchen wurden innerhalb weniger Jahre mehrere Hundert. Unter dem Pontifikat von Pontifex Pius IV. (1559-1565) reihten sich sogar sechstausend in den Wallfahrtszug ein. Ohne sich dessen bewusst zu sein und ohne es zu beabsichtigen, hatte Philipp ganz Rom in Bewegung gesetzt - und dies nicht zuletzt in einer der dunkleren Epochen der Geschichte der Kirche und Gesellschaft von Rom. 

…und den ganzen Erdkreis?!

Binnen weniger Jahre war es Philipp durch sein eigenes, stets bescheidenes Beispiel gelungen, das Antlitz der Stadt Rom zu verändern. Eine solche Erneuerung ist auch heute möglich. Nicht immer wird man an die frische Luft gehen müssen. Erneuerung nach dem zweiten Apostel Roms geschieht nämlich immer dort, wo Menschen zur lebendigen Quelle, die Christus ist, geführt werden. Diese Erneuerung muss genau so unkonventionell wie zur Zeit des Gründers des Oratoriums bei einem jeden  selbst beginnen. Dort wo ich umkehre und ein authentisches christliches Leben führe, dort gebe ich Zeugnis für Christus. Dort können die Menschen Frischluft atmen, neuen Appetit auf das Leben mit Christus bekommen. Dann werden sich auch heute die verschiedensten Strömungen in die richtige Richtung lenken und scheinbare Hindernisse beseitigen lassen.

Hic et nunc – in Wien, am 12. Mai 2016, ab 18 Uhr (Rochuskirche).

Auch in Wien gibt es seit dem oratorianischen Jubiläumsjahr 1995 (wieder) den Besuch der 7 Kirchen (7-Kirchenwallfahrt). Im Laufe der Jahre haben die Kirchen immer wieder gewechselt. Zum Abschluss des diesjährigen oratorianischen Jubiläumsjahres anlässlich des 500. Geburtstages des hl. Philipp Neri laden die Oratorianer zur 7-Kirchenwallfahrt im großen Stil ein. Wir starten am Donnerstag, dem 12. Mai 2016, um 18 Uhr in St. Rochus, pilgern von dort zur Kirche des Predigerordens, der Dominikaner, wo auch die hl. Messe gefeiert wird. Danach geht es weiter zur Universitätskirche, der Kirche der Jesuiten, von dort zur Franziskanerkirche und zum Stephansdom. Nach einer kurzen Statio in St. Peter folgt der Abschluss bei den Minoriten, wo auch ein kleines Picknick stattfindet. Alle sind sehr herzlich eingeladen. Bitte beten Sie mit uns und bringen Sie auch liebe Freunde und Bekannte mit!

P. Paul Bernhard Wodrazka CO

 


[1] Der Beitrag wurde bereits (2012) veröffentlicht in: Denken+Glauben. Zeitschrift der Katholischen Hochschulgemeinde für die Grazer Universitäten und Hochschulen, Nr. 165 (Herbst 2012), pp. 22-23.

[2] Newman, J. H.: Vom Wesen der Universität. Ihr Bildungsziel in Gehalt und Gestalt (Übersetzung: H. Bohlen), in: M. Laros und W. Becker (Hrsg.): Ausgewählte Werke von John Henry Newman, Band V, Mainz 1960, p. 227.

[3] Newman, J. H.: Philipp Neri (Übersetzung: O. Karrer), München s. a. [1952], p. 63.

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