Johann Georg Seidenbusch, der Gründer dreier deutschsprachiger Oratorien (1641-1729)

„Alles mit Gott und nichts ohne IHN“ Johann Georg Seidenbusch - eine prägende Priesterpersönlichkeit mit Ausstrahlungskraft für heute (1641-1729)

Als am 10. Dezember 1729 der feinsinnige und tatkräftige Priester Johann Georg Seidenbusch im Alter von 88 Jahren sein Leben in Gottes Hände zurücklegte, hatte er ein blühendes Wallfahrtzentrum „Maria Schnee“ in Aufhausen (Oberpfalz) errichtet und darüber hinaus mehrere Kongregationen des Oratoriums des hl. Philipp Neri. Auf die Gründung des ersten Hauses auf deutschem Boden am genannten Wallfahrtsort folgten weitere in München, Wien und auch Prag. Seidenbuschs liebevolle Ausstrahlung ließ ihn für Adel und einfache Menschen zu einem gefragten priesterlichen Seelsorger werden. Darüber hinaus dichtete er Lieder, die wir noch heute im „Gotteslob“ haben, so z.B. „Gegrüßet seist du, Königin“ (GL 536) oder „Kommt her, ihr Kreaturen all“ (Gotteslob/Fulda-Nr. 841 – zugleich in anderen Diözesananhängen).

Wer aber war Johann Georg Seidenbusch, der an der Schwelle vom 17. zum 18. Jahrhundert stand? Er wurde am 5. April 1641 in München geboren; bereits als Kind zeigte sich nicht nur seine religiöse Neigung, sondern auch die künstlerische Begabung im Malen. Geprägt durch die Jesuiten, die in seiner Heimatstadt einen wesentlichen Beitrag zur katholischen Reform im Geist des Konzils von Trient geleistet hatten, entschied er sich, Priester zu werden. Nach seiner Priesterweihe in Freising im Jahre 1666 erhielt er ein Jahr später auf Vermittlung des Abtes von St. Emmeram in Regenburg, in dessen Auftrag er ein Altarbild gemalt hatte, die dem Kloster inkorporierte Pfarrei Aufhausen übertragen. Zusammen mit seiner Mutter und den noch lebenden Geschwistern übersiedelte er dorthin. Er stellte zunächst die Kirche und den Pfarrhof wieder her; er selbst wohnte in einer Klause, die er am Stadel (Scheune) errichtet hatte. Die dort ebenfalls, unter einfachen Bedingungen erstellte Kapelle war auch der Ort der abendlichen Andachten, zu denen er seine Mitbewohner erstmals am 3. Mai 1668 zusammenrief. Diese schlichte, aber doch sehr eindrückliche Gebetszeit führte schon bald viele Menschen zusammen, so dass der Platz nicht ausreichte und die Kapelle mehrfach erweitert werden musste. Diese liturgische Feier wird als Keimzelle des „Abend-Oratoriums“ und der späteren Wallfahrt „Maria Schnee“ bezeichnet. Im so genannten Aufhausener Gesangbuch („Marianischer Schneeberg“, der in mehreren Auflagen erschien) ist ihre Form dokumentiert.

Im Rahmen seiner ersten Romreise 1675 wurde Seidenbusch Mitglied der Kongregation des Oratoriums des hl. Philipp Neri. 1695 konnte dann auch die Priestergemeinschaft in Aufhausen errichtet werden. Seidenbusch reiste dazu ein zweites Mal nach Rom, anlässlich der Feiern zum 100. Todestag des großen römischen Heiligen. So leistete er – ähnlich wie der Selige John Henry Newman in England – die entscheidende Transformation in einen neuen Sprachraum hinein. Noch vor Gründung des eigentlichen Oratoriums, ja bevor er das Gemeinschaftsleben mit den anderen Priestern aufgenommen hatte, begann er – wie bereits erwähnt – eine abendliche Zusammenkunft mit den Personen, die mit ihm dort zusammenlebten. In seiner Autobiographie schreibt er, nachdem er den Raum fertig gestellt und mit dem „Scheyrer Kreuz“ ausgestattet hatte, am 3. Mai, dem damaligen Fest der Kreuzauffindung: „...[ich habe] abends meine Mutter, meine Schwestern und Brüder und das ganze Hausgesinde in meine fertige Klause vor das Kruzifix eingeladen, ihnen eine Ansprache gehalten und sie daran erinnert, wie viel Gnaden uns Gott geschenkt und wie liebevoll er uns an diesem Ort geholfen hat. [...] Und deshalb trug ich ihnen auf, so wie an diesem Festtag zum ersten Mal, künftig jeden Abend hierher zu kommen, um zusammen mit mir den schuldigen Dank abzustatten. Dann betete ich ihnen langsam die erste Litanei vom Leiden Christi vor, darauf die Lauretanische Litanei, die Hingabe an die fünf heiligen Wunden, worauf fünf Vaterunser und Ave-Maria folgten. Dann wurde der ‚Engel des Herrn’ geläutet, dem ich ein Vaterunser und Ave Maria für die Armen Seelen im Fegfeuer anschloss. Dann wurde mit dem Schlussgebet die Andacht beendet. So kann man es nachlesen in dem Aufhausener Gebetbüchlein, das bereits 8000 mal gedruckt wurde. Die Litaneien werden jeden Tag nach einer anderen Melodie gesungen und am Schluss wird der heilige Segen erteilt. So war der Anfang von dem, was jetzt so wunderschön in dem so oft genannten Aufhausen zu erleben ist.“

Auch wenn dieser Bericht persönliche Akzente des geistlichen Lebens Johann Georg Seidenbuschs widerspiegelt, so ist doch eine gewisse Parallele zu den Anfängen des Oratoriums in Rom im 16. Jahrhundert unverkennbar. Seidenbusch hält eine persönliche Ansprache, er hat die Führung und Leitung inne. Er verwendet einfache, bekannte Elemente wie die Litaneien und verknüpft diese zu einer eigenen Feierform. Seidenbusch setzt somit, obwohl er mit hochstehenden Persönlichkeiten seiner Zeit in Kontakt steht, auf die einfachen Elemente solider Frömmigkeit. Gerade hierin nähert sich doch der ganze Mensch dem Geheimnis Christi, das nicht nur dem Geist und der Vernunft, sondern auch dem Herzen und dem Gemüt zum Einschwingen aufgegeben ist, um immer mehr „in

Christus“ und „mit Christus“ zu leben und sich so von Gott prägen zu lassen. Damit erneuerte Johann Georg Seidenbusch das geistliche Leben seiner Zeit nachhaltig. Mit seiner Frömmigkeit verband er ein großes Organisationsgeschick, Maß und Übersicht. Nach seinem Tod erlosch sein Andenken nicht und die Verehrung, die ihm aufgrund seines vorbildlichen Lebens zuteilwurde, riss nicht ab. Daher wird nun die Vorbereitung eines Seligsprechungsverfahrens erwogen, nicht zuletzt deshalb, weil die einfachen Weisungen Seidenbuschs schon manchen Menschen in konkreter Not geholfen haben.  

Dr. Stefan Wick,
Ständiger Diakon im Bistum Fulda,
Liturgie- und Ökumenereferent,
Assoziiertes Mitglied 
der Deutschen Föderation des Oratoriums des hl. Philipp Neri 

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